Der Yogi und der Ofen

Die zweifellos starken Veränderungen des sogenannten Fortschritts, die sich leider nicht immer nur zum Guten hin entwickeln, sind wie ich meine, keine Neuschöpfung unserer Zeit. Daß wir diese Veränderungen besonders stark erleben, das liegt sicherlich an dem exponentiellen Verlauf des Fortschritts, der heute in wenigen Tagen Veränderungen bewirkt, die in früheren Zeitaltern ein ganzes Lebensalter gedauert haben. Die Weichen hierfür aber wurden wohl schon vor 5000 oder mehr Jahren gestellt, in einer Zeit, in der grade der Entwicklungsschritt zum seßhaften Menschen vollzogen wurde. Von da an nahm alles seinen unvermeidlichen Lauf. Daß die Menschen der früheren Zeit diese Vorgänge genauso drängend erlebt haben, das liegt wahrscheinlich daran, daß es damals um die Abösung des "Alten Wissens" durch den neuen Fortschrittsglauben ging, ein Wissen, das nun nahezu in Vergessenheit geriet.

Damals waren die Verhältnisse noch einfach und überschaubar, sie hingen nicht ab von Börsenkursen und komplizierten wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und weltpolitischen Zusammenhängen.
Im Grunde bot die Evolution 2 Wege an. Der eine Weg sah eine innere Veränderung des Menschen vor, während der andere Weg die Anpassung der Umwelt bevorzugte und der zuerst einmal bequemer schien.

Es gibt sicherlich beliebig viele Beispiele, um die Vorgänge zu demonstrieren, die sich damals abgespielt haben, jedoch ist wohl die Erfindung des Ofens eines der Eindrucksvollsten .

Was nun kommt, ist, wie man heute sagen würde, gechanneltes Wissen, oder, wie andere es ausdrücken würden - reine Spekulation, wenn auch durch und durch logisch und äusserst plausibel.

Natürlich kannte man das Feuer schon viel länger. Jedoch erst der Ofen brachte eine gewisse Bequemlichkeit ins Haus. Genau aus diesem Grund gab es in Indien schon immer eine starke Opposition gegen solche Entwicklungen.
Es gibt nämlich eine einfache, und für jeden Menschen praktikable Möglichkeit, auch anders mit der Kälte zurechtzukommen. Es ist lediglich nötig, die Sauerstoffzufuhr im Körper zu erhöhen, und zwar nicht durch schnelleres, sondern durch tieferes Atmen. Das hat gleich mehrere Vorteile: Es fördert die Durchblutung des Gehirns und des Körpers, wenn man auch zugeben muß, daß es jahrelanges Training erfordert für den Yogi, bis er soweit ist, daß ihm in der Eishöhle im Himalaya nicht die Zehen abfrieren. Außerdem reinigt dieser Vorgang die Lungen, und zudem schafft man damit einen meditativen Zustand klaren Geistes.

Der "Yogi", der dieser Technik folgt, hält nichts von Bequemlichkeit. Er lebt unbequem, weil er sich ständiger Disziplin unterwirft. Und für andere ist er unbequem, weil er frei von vielen Abhängigkeiten ist und sich keinen Ofen verkaufen läßt.
Zuerst kassiert er die Vorteile, daß er sich jederzeit warm machen kann, und daß er stets bei klarem Verstand und bei guter Gesundheit ist, und außerdem spart er die Ausgaben für einen Ofen ein.

Der "Ofenbesitzer" aber, wenn er, wie es unvermeidlich ist, einmal unvermittelt in der Kälte steht, wünscht sich lieber einem warmen Ofen zu nähern, anstatt sofort zu handeln. Er nimmt das Leid großer Kälte auf sich, riskiert Erkältung oder Schlimmeres, solange bis er sein ersehntes Ziel erreicht. Ein weiterer Lernprozess wird ihn womöglich dazu bringen, nicht mehr hinterm Ofen vorkommen zu wollen.
Das alles richtet nur diese Fortschrittsideologie an, die darauf abzielt, den Menschen seine innewohnenden Fähigkeiten vergessen zu lassen, um ihn abhängig und bequem zu machen.
Der "Bequeme" bezahlt zuerst für den Ofen, dann mit seiner verweichlichten Gesundheit, und schließlich noch für den Doktor.
Letztlich wird ihm klar werden, daß er sich, um seine Bequemlichkeitsphilosophie durchhalten zu können, ähnlichen Techniken unterziehen muß wie es der Yogi tut, und er wird zumindest ein Fitnesscenter aufsuchen.
Spätestens hier nimmt dieser unglaubliche Vorgang einen völlig paradoxen Charakter an.

Der Yogi aber hatte inzwischen Zeit, seine Atemübungen zur Vollkommenheit weiterzuentwickeln, und er sitzt immer noch in seiner Eis-Höhle im Himalaya, genießt Ruhe und Klarheit und lächelt ....


(Ein weiterer Text wäre möglich mit dem Titel: Der Yogi und der Stuhl. Der Stuhl tauchte erstmals in Indien mit den englischen Besatzern auf. Noch heute gibt es sogar in den großen Städten Indiens immer wieder Leute, die ein Restaurant betreten, und sich neben einen freien Stuhl auf den Boden setzen, mit einem Blick, als wollen sie dir sagen: Wer einen Stuhl hat, braucht auch bald einen Doktor. Wer aber auf dem Boden sitzt, übt sich in Hatha Yoga.)


 
 

by Henry Commonwood 10.6.2001


 
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