|
Wenn ich Haß empfinde, so kann es sein, daß ich dieses Gefühl nicht liebe. (Haß empfinden? Darf man das überhaupt?) Kennt ihr das? Man blicke in diesen Abgrund. Es entsteht Selbsthaß, Haß auf sich selbst also. Muß nicht unbedingt sein, kann aber sein. Und was noch sein kann ist, daß ich das nicht zur Kenntnis nehme, weil das im Unterbewußten bleibt, oder großzügig darüber hinwegsehe, mit anderen Worten also meinen Selbsthaß verleugne. In diesem Falle wird der Selbsthaß meist nach außen projeziert. Wer kennt schon Arno Gruen?
Dieses hier ist genaugenommen weniger Politik, sondern eher Psychologie, oder besser gesagt Antipsychiatrie. (Ronald D. Laing und David Cooper sind weitere Antipsychiater) Für mich war dies jedenfalls ein sehr wichtiger Denkanstoß:
Bildquelle: http://vozesdotempo.blogs.sapo.pt/arquivo/Arno%20Gruen.jpg (Prof. Dr. Arno Gruen, Psychoanalytiker, geb.26.5.23, promovierte 61 in USA, lebt seit 79 in der Schweiz) Ich möchte hier eine Passage aus Arno Gruen - Der Wahnsinn der Normalität - wörtlich zitieren (dtv-Taschenbuch 35002, erschienen 1987, Seite 15/16): "...Die Kompliziertheit dieses Wechselspiels zwischen Kind und Eltern liegt darin, daß die Möglichkeit zur Autonomie einerseits in den frühesten Interaktionen zwischen dem werdenden Selbst und seiner Umwelt grundgelegt wird, andererseits aber entscheidend dafür ist, wie weit das Kind Verantwortung für sich selbst übernimmt. Davon hängen alle seine künftigen Beziehungen innerhalb des sozialen Feldes ab. Grundsätzlich kann Verantwortlichkeit sich In zweierlei Richtungen entwickeln; Entweder formt sich das werdende Selbst frei und offen in eigener Verantwortung, oder es überläßt sich fügsam dem prägenden Einfluß anderer. Damit weicht es den Verpflichtungen echter Verantwortung aus. Die Flucht vor der Verantwortung wird dabei aus dem Bewußtsein verdrängt. Dies muß so sein, weil die Preisgabe der Autonomie durch Unterwerfung unter einen fremden Willen ein elementares Machtspiel in Gang setzt: "Ich werde so, wie du mich haben willst, damit du für mich sorgst. Meine Unterwerfung ist von nun an meine Macht über dich, mit der ich deine Fürsorge erzwinge." So wird das Sich-abhängig-Machen zur Rache für die Unterwerfung. Dieser Akt beinhaltet mehreres. Erstens übernimmt das Kind die Bewertung der Eltern. Was man Internalisierung nennt, ist also ein Prozeß der Kollaboration durch Unterwerfung. Zweitens bedeutet dies, daß das Kind alles an sich selber zu hassen beginnt, was es in Konflikt mit den Erwartungen seiner Eltern bringen könnte. Und drittens erwächst aus diesem Selbsthaß die Bereitschaft zu immer weiterer Unterwerfung. Damit ist ein Teufelskreis in Gang gesetzt: Unterwerfung und Selbstverachtung bedingen sich wechselseitig. Es ist immer beides vorhanden: Selbsthaß und Selbstverachtung. Doch eben die Selbstverachtung darf nicht gefühlt werden, weil sie unerträglich wäre. Darum muß der ganze Prozeß unbewußt bleiben; er wird verdrängt und verleugnet, und so stürzt man sich blindlings immer tiefer in die Verstrickungen des Machtspiels...." In weiterer Folge kommt heraus, daß der Mensch, der den Selbsthaß verleugnet, für die Obrigkeit auch über Leichen gehen kann. An Hand von Verbrechern und Nazischergen erhärtet Arno Gruen diese Theorie. Wie kommt es eigentlich, daß so vieles, was mit Nationalsozialismus oder Kirche zusammenhängt, verschwiegen wird oder gar zensiert ist? Daraus schließe ich: Durch Zensur, Tabuisierung und die Belegung mit einem schlechten Gewissen versucht man also, die Gedanken der Menschen in eine bestimmte Richtung zu zwingen, und das nennt man Aufarbeitung. Der Verdacht drängt sich auf, daß im Täterland die Aufarbeitung des Themas Nationalsozialismus darin besteht, eine wirkliche Aufarbeitung zu verhindern! Vergleiche hierzu auch im Archiv von E. Drewermann: (Link leider nicht mehr verfügbar, daher siehe hier: Drewermann_1999_Wahnsinn_und_Normalitaet.pdf ) "Wahnsinn und Normalität, oder: von der Alternative der Bergpredigt" 1999, Vortrag gehalten von Eugen Drewermann bei den "Basler Psychotherapietagen 1999" Siehe auch: http://www.lukesch.ch/Text99_01.htm Interview mit Arno Gruen Einige weitere Links zu Arno Gruen: http://de.wikipedia.org/wiki/Arno_Gruen Verratene Liebe – Falsche Götter http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/165964/ Arno Gruen: “Ich will eine Welt ohne Kriege!” http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/003922.html "Wir alle, die wir in unserer Kultur aufgewachsen sind, haben in unterschiedlichem Ausmass Schutzpanzer aufgebaut gegen menschliche Beziehungen, Mitgefühl und Verbundenheit mit anderen." http://ant-ares.org/?Rinks_%26amp%3B_Lechtz:Arno_Gruen 4. September 2006, Neue Zürcher Zeitung «Es ist ein jeder Mensch sein eigener Gott» Eine Erörterung der Frage: Was ist eine gute Religion? Von Arno Gruen Zitat: ........Ein anderes Gottesbild entsteht, wo Menschen nicht durch ihre früheste Entwicklung auf Gehorsam geprägt werden. Carl Gustav Jung zitiert Ochwiay Biano, einen Häuptling des Taos- Pueblos-Stammes in New Mexico: «Wir leben auf dem Dach der Welt; wir sind die Söhne von Vater Sonne, und mit unserer Religion helfen wir ihm täglich, den Himmel zu überqueren. Hörten wir auf, unsere Religion auszuüben, würde in zehn Jahren die Sonne nicht mehr aufsteigen. Dann würde für immer Nacht sein.» Jung schrieb dazu: «. . . dass der Mensch Gott etwas im Austausch geben kann, bewirkt Stolz, denn es hebt das menschliche Individuum zur Würde eines metaphysischen Faktors empor (. . .) Solch ein Mann hat im vollsten Sinne des Wortes seinen angemessenen Platz.» Selbstlos, autoritätshörig Ein Mensch jedoch, dessen Selbst durch Gehorsam gegenüber einer Autorität, die ihm sein Eigenes verboten hat, abhanden kommt, wird sich immer nach einer äusseren Autorität, einer Religion und einem Erlöser sehnen, der ihn von der Verantwortung für sich befreit. Die Frage nach einer guten oder schlechten Religion ist deshalb etwas irreführend. Religion und Gottesbild werden dadurch bestimmt, ob Menschen aufgrund ihrer Bedürfnisse eher zu einer autoritären Anschauung tendieren oder zu einer Vorstellung, die ihre Ebenbürtigkeit bejaht. In dem Klassiker «Das Ringen um das Tausendjährige Reich» beschreibt Norman Cohn den revolutionären Messianismus des Mittelalters angesichts einer Erwartung der Endzeit. Seine brillante Analyse zeigt auch, dass der heutige Terrorismus nichts Neues ist. Cohn zeichnet nach, wie Menschen in Erwartung des Tausendjährigen Reiches Christi einen erbitterten Kampf um ein zukünftiges himmlisches Leben führten. Ihr Verlangen nach Erlösung verwandelte sich in fanatische Wut und Rachsucht - in die Sucht nach Rache an einem abstrakten Feind, dem alle menschlichen Attribute abgesprochen wurden. Dieser Verbindung von Endzeiterwartung und Hoffnung auf das Kommen eines starken kriegerischen Messias, der die Getretenen von ihrem unerträglichen Joch befreit, begegnen wir auch bei heutigen Fundamentalisten gleich welcher religiösen Couleur. Selbstverantwortung Ein sozialer und ökonomischer Zusammenbruch führte damals und führt heute zur Bedeutungslosigkeit des Einzelnen. Wenn die soziale Struktur sich auflöst, weil der Gehorsam nie ein eigenes Selbst oder ein Selbstwertgefühl zuliess, dann bricht die ganze unterdrückte Wut hervor, die dieser Gehorsam selbst erzeugt hat. Eine Religion wandelt sich vom Guten zum Schlechten, wenn sie von Führern interpretiert wird, die sich und alle, die ihnen folgen, als heilig ansehen und eine vorbehaltlose Unterwerfung fordern. Diese macht es den Anhängern unmöglich, die vom Führer gewiesene Mission zur Aufopferung zu hinterfragen. Ob eine Religion gut oder schlecht ist, hängt also von der Entwicklungsgeschichte des Einzelnen ab. Ist diese von Gehorsam geprägt, wird der Mensch einen autoritären, strafenden Gott suchen......... http://www.nzz.ch/2006/09/04/fe/articleEBAU9.htm Meine Folgerung nun aus Arno Gruens Thesen: Wo könnten noch Selbsthass und Schuldkomlexe noch zu finden sein? Es ist nicht zu weit hergeholt, diesen Zusammenhang in der Beziehung zwischen Mann und Frau entdecken zu können. Der Ehemann ist ein guter Mensch. Er gibt sich alle Mühe ernsthaft treu zu sein. Doch plötzlich geschieht das Fatale: Eine andere Frau kommt ihm in den Sinn. Muß nicht sein, kann aber sein. Seine Vorstellung von sich selbst als treuer Ehemann ist erschüttert. Abgesehen davon, daß sich das bis zur Impotenz entwickeln kann, wird er möglicherweise sich selbst dafür hassen. Damit kann aber nur in seltenen Fällen einer leben. Also verleugnet er seinen Selbsthass, und reflektiert ihn ins Gegenüber........ Ist es so besser verständlich, warum ich bei Gelegenheit solch einen fragwürdigen philsphischen Witz erzähle: Also mir hat einer erzählt, er denkt jetzt am Anfang beim Sex immer an die Nachbarin, seitdem schimpft ihn seine Frau nicht mehr, daß er keinen hochkriegt, und das Geld für das Viagra bekommt jetzt seine Frau als Haushaltsgeld. Ein Witz gegen Faschismus! :-) ______________________________________________________ One word from you One word from me A clear design on your liberty Who could believe when love was gone How we move on like everyone Only such fools Only such jealous hearts Only through love changes come (Jon Anderson YES “Changes” ) |