Tantra und Yoga (oder vom Umgang mit der Macht)

 
Hinter dem Begriff Tantra verbirgt sich weit mehr als sexuelle Praktiken. Es steht vielmehr für eine ganze Philosophie. Es ist hier vor allem die Rede von "Hingabe" und "Loslassenkönnen".
Yoga hingegen ist eine Technik zur Körperbeherrschung, welche zu Gesundheit und Wohlbefinden führen soll.
 
Sind diese beiden Begriffe unvereinbare Gegensätze ? Loslassen und Beherrschen ?
 
Weil ich meinen Körper als eine konkrete Sache betrachten kann, welche in materieller Form existiert, kann es wohl prinzipiell gelingen, durch ein Beherrschen, durch ein Machtausüben "über mich selbst" also, zu einer besseren Gesundheit oder größeren Fitness mich selbst zu verändern.
Ganz anders aber sieht die Sache aber aus, wenn wir versuchen, unsere Psyche zu verändern. Der Mensch lebt im Konflikt zwischen dem, was ist, und dem was sein soll. In psychischer Hinsicht führt dieser Konflikt zu Selbsthaß. Der Versuch, etwas gegen diesen Selbsthaß zu tun wird zur Selbstverleugnung. Aus dieser Selbstverleugnung ergeben sich Rachegelüste und Destruktivität. Deshalb wird im Tantra von Hingabe gesprochen.
 
So sind Yoga und Tantra zwei gegensätzliche Handlungsweisen, welche beide in ihrem eigenem Bereich gültig sind. Verkehrte Handlung führt natürlich zu Problemen. So führt eine Hingabe im materiellen Bereich zu Lethargie, Disziplinlosigkeit, und unangebrachter Schicksalsgläubigkeit, während Machtausübung in diesem "imaginären" Bereich zu Agression und Rachegelüsten ausartet.
In diesem Sinne neigt der heutige Mensch dazu, Dinge zu verbinden, die nicht verbunden sind. Und außerdem, Dinge zu trennen, die nicht getrennt sind. Wir werden dafür ein Gefühl entwickeln müssen.

 


 
Der Lama Drugpa Künleg (16. Jahrhundert)
 
Des liederliche Leben und die lästerlichen Gesänge des tantrischen Meisters Drugpa Künleg
(Der heilige Narr v. Keith Dowman, Knaur Esoterik, 4122)
 
Kapitel I. Wie Drugpa Künleg ein wandernder Asket wurde und das Mädchen Sumdschok aus dem Ozean des Leidens befreite
 
Zitat: ......Du wirst noch genug Zeit haben, mir deine Sorte Tee zu servieren, sagte der Lama. Bereite jetzt lieber dieses besondere Gebräu, das ich den ganzen Weg, vom Markt in Lhasa bis hierher getragen habe! Es ist augenblicklich fertig!
Und er ergriff ihre Hand, legte das Mädchen auf das Bett des Gouverneurs, hob ihre Dschuba (tibetisches Kleid) hoch und betrachtete ihr unteres Mandala. Er richtete sein Organ auf das angehäufte Mandala von weißen Lotussen zwischen ihren Schenkeln, deren Fleisch weicher als Sahne war, und da er gesehen hatte, daß sie füreinander gemacht waren, vollzog er die Vereinigung mit ihr. Während er sie liebte, gab er ihr mehr Vergnügen und Befriedigung, als sie jemals erfahren hatte........
 
.....Sumdschok erlangte bald Befreiung, da das Mitgefühl des Lama und ihre eigene Hingabe unter glücklichen Umständen zusammenkamen. Tagsüber zufriedengestellt durch Musik der Götter und Dakinis und nachts durch den Geruch des Räucherwerks und das Licht der Butterlampen, verschwendete sie die ersten drei Tage keinen Gedanken an Essen. Am Morgen des vierten Tages vollendete sie, befreit von jedem Leiden, den Lichtkörper und erreichte Buddhaschaft...........
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Wir werfen uns nieder zu Füßen des Drukpa Künga Legpa.
Nackt und ungeschmückt, ist er frei von der befleckten Bewußtheit,
die ergreifenden Geist und ergriffene Realität als verschieden betrachtet.
Durch sein verrücktes Wirken diszipliniert er die Ungläubigen und die Eigensinnigen
Und führt sie mit jedem seiner Sinne zur Befreiung.
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In deinem früheren Leben warst du bestimmt ein Buddha. Erzähle uns bitte davon!«
Drukpa Künleg entgegnete ihnen: »Weil man zu einer gewissen Einsicht in seine früheren Existenzen gelangt, wenn man sein gegenwärtiges Verhalten überprüft, werde ich euch ein Lied gen.«
 
In der Kette meiner vielen Leben habe ich schon die Körper jeder Art von Geschöpfen angenommen.
Ich erinnere mich nur undeutlich daran, doch es muß etwa folgendermaßen gewesen sein:
 
Weil ich jetzt so gerne Dschang trinke,
war ich bestimmt mal eine Biene.
Weil ich jetzt so viel Begierde habe,
war ich bestimmt einmal ein Hahn.
Weil ich jetzt so vom Haß geprägt bin,
war ich bestimmt mal eine Schlange.
Weil ich jetzt so träge bin,
war ich bestimmt einmal ein Schwein.
Weil ich jetzt so geizig bin,
war ich bestimmt einmal ein reicher Mann.
Weil ich jetzt kein Schamgefühl besitze,
war ich bestimmt mal ein Verrückter.
Weil ich jetzt so gerne lüge,
war ich bestimmt einmal ein Heuchler.
Weil ich jetzt ein so schlechtes Benehmen habe,
war ich bestimmt einmal ein Affe.
Weil ich jetzt so blutdürstig bin,
war ich bestimmt einmal ein Wolf.
Weil ich jetzt einen so engen Schließmuskel habe,
war ich bestimmt mal eine Nonne.
Weil ich jetzt so kleinlich bin,
war ich bestimmt mal eine unfruchtbare Frau.
Weil ich jetzt meinen Reichtum für Essen ausgebe,
war ich bestimmt einmal ein Lama.
Weil ich jetzt so raffgierig bin,
war ich bestimmt mal ein Verwalter.
Weil ich jetzt so viel von mir halte,
war ich bestimmt einmal Sekretär.
Weil ich jetzt so gerne die anderen betrüge,
war ich bestimmt einmal ein Kaufmann.
Weil ich jetzt so geschwätzig bin,
war ich bestimmt einmal eine Frau.
Ob dies alles wahr ist, kann ich euch nicht sagen -
ihr müßt es selbst herausfinden. Was meint ihr?

 
»Es hört sich so an, als würdest du deine früheren Leben auf- zählen«, antworteten die Mädchen. »In Wahrheit aber machst du uns auf unsere eigenen Fehler aufmerksam. Wir danken dir, daß du uns mit deinem Lied belehrt hast.«
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»Schaut euch an, was für große Eier der hat!« riefen einige Kinder, die ihn beobachteten.
Der Lama sang ihnen dieses Lied:
Im Sommer, der Zeit des Blauen Kuckucks, hängen die Eier tief herab.
Im Winter, der Zeit des Purpurfarbenen Hirsches, wird der Kopf des Penis groß.
Ob Sommer oder Winter, die Gedärme haben die gleiche Länge:
Das ist der Unterschied zwischen der warmen und kalten Jahreszeit.
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Also der Drugpa Künleg hat den Karmapa beschuldigt, sein Gelübde gebrochen zu haben, worauf ihn seine Jünger schon verprügeln wollten:
 
Der Karmapa rief jedoch: »Schlagt ihn nicht! Schlagt ihn nicht! Er spricht die Wahrheit! Dieser Mann besitzt die Fähigkeit, die Gedanken seiner Mitmenschen zu lesen. Er ist eine Verkörpe- rung des indischen Meisters Shavaripa. Ehrlich gesagt, wurde ich für einen Moment von der Schönheit dieses Mädchens dort drüben ergriffen, obwohl ich sie nicht wirklich begehrte, ge- nauso wie sich die Menschen manchmal von einem Tier mit einem schönen Fell angezogen fühlen. Drukpa Künleg war sich dessen bewußt, und seine Anschuldigung war berechtigt. Singe uns ein Lied, Näldschorpa, das von diesem Mädchen handelt!«
 
Und Künleg sang folgendes:
 
Dieses Mädchen ist wie die Tochter des Bösen;
obwohl sie weder einen Eisenhaken noch eine Schlinge trägt,
kann sie allein mit einem Augenaufschlag
den Geist eines Mannes auf sich lenken und ihn fesseln -
sogar das Herz eines Buddha kann sie beeinflussen!
Ein bezauberndes Antlitz hast du, o strahlendes Mädchen
mit der lieblichen Stimme,
und dein liebkosendes Geflüster läßt einen Mann vertraulich mit dir werden;
flüchtig aber ist diese Freude, und am Ende geht er zugrunde!
Deine wohlgeformte Gestalt, dein klares Gesicht, das leicht errötet,
deine launische und verführerische Rede
ziehen einen Mann hilflos ins Samsara hinab.
Begehre nicht! Widerstehe der Verführung, Karmapa!
 
Der junge indische Pfau jedoch
läßt sich auf einem Kissen aus Dornen nieder -
Für andere Tiere ist das gefährlich.
Und der anmutige tibetische Hahn
frißt giftige Samen, um seinen Hunger zu stillen -
Für andere Tiere ist das tödlich.
Ich, Drukpa Künleg aus Ralung,
kann in Gedanken schöne Frauen bewundern -
Für dich, Herrscher Karmapa, ist das gefährlich.
 
»Wer gibt dir das Recht, das zu tun, was anderen verboten ist?« wollte ein Mönch wissen.
»Es gibt ein Paradies, das Ogmin heißt«
(Nichts Höheres, das ist der Bereich innerhalb des Samsara, der jedoch frei von dessen Gesetzmäßigkeiten ist)
erwiderte der Lama,
»und dorthin kann kein gewöhnlicher Mensch kommen. In der Mitte dieses grenzenlosen und unermeßlichen Paradieses steht ein wunderschöner Palast, die Wohnstätte des in blauer Kör- perfarbe erstrahlenden Trägers des Vajra. Er hat mir durch Tilo- pa und Naropa Unterweisungen übertragen, die mir sagen, was ich tun und was ich lassen soll.« Die Menge war mit dieser Erklärung zufrieden und wurde von Hingabe überwältigt. Der Karmapa lächelte und sprach: »In den Regeln der Diszi- plin, die den Geist zähmen, bin ich dir überlegen, aber in der Verwirklichung des gleichbleibenden reinen Wesens aller Dinge stehst du über mir. In späteren Zeiten wird dein Ruhm größer sein als meiner.«
 

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